09/01/16

20 Jahre CargoLifter – ein Lehrstück deutscher Innovationskultur

von Carl-Heinrich von Gablenz

Am 1. September 1996 wurde von 93 Gründungsaktionären die CargoLifter AG in Wiesbaden gegründet, darunter ABB, Linde und Siemens als Industrievertreter, Schenker, DacoTrans, Fagioli, Air Foyle, Mammoet, Jumbo und viele andere als Logistikvertreter und zahlreiche Fachleute aus der Luftfahrt. Der Gründung vorausgegangen war die Studie des VDMA (Verband der Maschinen- und Anlagenbauer), die sowohl den Markt als auch die Technik analysierte und zu dem Ergebnis kam, dass der von der Industrie gewünschte Quantensprung in der Transportlogistik ihrer Anlagenteile nicht in einer bloßen Verbesserung der bekannten Transportmöglichkeiten bestehen könne, sondern man einen fundamental neuen Ansatz gehen müsse – per Luft von der Fabrik zur Baustelle! Die Lösung war eine echte Neuerung – ein großes Luftschiff als fliegender Kran, der in der Luft schwebend die Teile aufnimmt und sie vor Ort von oben wieder absetzt: der CargoLifter! Das wäre eine echte Innovation. Keine bloße Produktverbesserung, sondern eine Basisinnovation, die es erlaubt hätte, Dinge völlig anders umzusetzen als vorher. Hätte, denn was vom Aufbruchsgeist der Jahre 1995/96 bis 2000 getragen wurde, endete in den Wirren nach dem 11. September 2001 und der Weltwirtschaftskrise 2002 in der Insolvenz.

Wohl selten wurde ein Technologieprojekt in Deutschland von so breiter Zustimmung aus der Bevölkerung getragen und auch finanziert. 70.000 Aktionäre gaben 300 Mio. Euro für ein innovatives Projekt Made in Germany, darunter neben den vielen „Kleinen“ auch große wie der britische Henderson Fund, der allein deutlich mehr investierte als die öffentliche Hand an Zuschüssen ausgab (Zuschüsse nicht etwa als Technologieförderung, sondern für den Bau der Halle als Produktionsstätte im Zusammenhang mit der Schaffung von 265 Arbeitsplätzen im Osten). Als es kritisch wurde, war von den Politikern nichts mehr zu sehen und die für Wirtschaft zuständigen Ministerien in Land und Bund schoben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. „Erhebliche Zweifel an der Machbarkeit“, „schwerwiegende Fehler des Managements“, „Interesse des Steuerzahlers“ – so die üblichen Phrasen der Minister und dazu ein medialer Rummel über Zeitverzögerungen und Kostenüberschreitungen, als ob es die bei allen möglichen Luftfahrt-, Technologie-, Rüstungs- und Infrastrukturprojekten unter öffentlicher Aufsicht und geführt von renommierten Konzernen nicht in Hülle und Fülle gäbe; man denke nur an den Airbus A400M. Nach dem sicherlich übertriebenen Jubelrummel der ersten Jahre („Superjumbo der Lüfte“) wird die Sau nun durchs Dorf getrieben, bis sie endlich tot ist. Hauptsache die Schlagzeilen locken die Leser. Geschrieben wird, was Stimmung und Eindruck macht. Tja und dann ist CargoLifter am Ende “¦

CL-160
Drei Entwicklungsstufen des CL-160

Nach ein paar Jahren fragt man sich: Musste das sein, wo es nun doch einige Projekte in England, den USA, Frankreich, Kanada, Russland u.a. gibt, die genau auf den gleichen Markt abzielen? Und das eben nicht von irgendwelchen weltfremden Phantasten. Da liefern sich, neben dem gerade medial bekanntesten englischen Projekt, nicht gerade für ihre sentimentalen Schwärmereien bekannte Spieler ein strategisches Rennen. Amerikanische Rüstungs-Megakonzerne, der russische Staat, der die Luftschiffentwicklung im Rahmen eines Multi-Milliarden-Erschließungsprogramms für Sibirien beschlossen hat und eine Kooperation von China und Frankreich, bei der China die Entwicklung eines 60-Tonnen-Luftschiffes in den aktuell gültigen 5-Jahresplan für Luftfahrt geschrieben hat und Frankreich für das gleiche Projekt im Rahmen seiner neuen industriepolitischen Strategie einen LTA-Cluster aufbaut und fördert.

Internationale Luftschiffprojekte
Luftschiffprojekte (v.l.o.): Atlant (RUS), Airship do Brasil (BRA), Lockheed Martin LMH-1 (USA), Dragon Dream (USA), Flying Whales (FRA,CHN), AirLander (GBR)

Die Presse gibt mal wieder ein trauriges Bild ab. Der im Heimatland ach so kritische Journalismus glänzt damit, dass er in der Regel unreflektiert bejubelt, was irgendwo auf der Welt außerhalb Deutschlands über ein neues Luftschiff verkündet wird. Und man garniert das Ganze beim Umformulieren der Herstellerpressemeldungen noch mit Fehlern, die jedem Unterstufenphysiklehrer die Tränen in die Augen treiben müssen. Aber in keinem Fall darf vergessen werden noch mal bei jeder dieser Gelegenheiten CargoLifter zu erwähnen: „Nichts außer heißer Luft“, „ungeklärtes Lastaustauschverfahren“ wird völlig unbelastet von Faktenrecherche runtergetippt.

Dabei müsste man sich nur das Video auf unserer Homepage oder auf Youtube ansehen, das übrigens schon seit 2002 im Internet zu finden ist. Wir sind bisher die Einzigen, die 55 Tonnen mit einem Leichter-als-Luft-Gerät hochgehoben und versetzt haben. Und zwar mit perfekt funktionierendem Lastaustauschverfahren! Das müssen die anderen erstmal schaffen.

Man könnte ja durchaus einmal auf die Idee kommen darüber nachzudenken, ob nicht diese (zum Teil reichen und mächtigen) Organisationen, die lange Zeit hatten CargoLifter, die Märkte und die technologische Entwicklung der vergangenen Jahre gründlich zu analysieren, deshalb heute zu den gleichen Schlussfolgerungen kommen wie CargoLifter, weil diese auch damals schon richtig waren. Der Markt oder besser der Bedarf, gravierende Transportprobleme bei Anlagengütern zu lösen oder Waren in abgelegene Regionen zu transportieren, ist unzweifelhaft vorhanden und Ballone oder Luftschiffe bieten gerade dort technologisch ein erhebliches Potenzial.

Die CargoLifter AG ist pleite und deshalb war es schlecht. Warum nach Hintergründen fragen, wenn es mit den üblichen Schlagworten viel einfacher ist. Also wird ein Stück Zukunft in Deutschland in ein Loch gekippt und mit möglichst viel Erde zugedeckt und Ähnliches in anderen Ländern entweder kritiklos gefeiert oder kleingeredet oder ignoriert – deutsche Innovationskultur pur! Da stimmt einen der Kommentar des immerhin für den Verlust von rund 70 Mio. verantwortlichen britischen Fondsmanagers zur Insolvenz in Juni 2002 nachdenklich: „Ich bin Ihnen nicht gram. Das ist das Risiko bei innovativen Projekten. Aber ich verstehe die deutsche Politik nicht. Wie kann man so ein Projekt fallenlassen?“ Und was wird aus der weltweit modernsten Infrastruktur für Leichter-als-Luft-Technik? Ein Spaßbad! Armes Deutschland!

Nun – die Sau ist aber nicht wirklich tot. Erstaunlicherweise lebt CargoLifter. Ich meine nicht die insolvente CargoLifter AG, bei der der Insolvenzverwalter in aller Seelenruhe seit nunmehr 14 Jahren mit Duldung der Justiz in Brandenburg alles was zu Geld zu machen ist letztlich immer schön „im Interesse der Gläubiger handelnd“ irgendwo in seinen Netzwerken versickern lässt, bis den Gläubigern auch nichts mehr bleibt. Erstaunlicherweise schauen da alle zu („das weiß man doch“) und keiner der ach so investigativen Journalisten bohrt mal in dieses Wespennest. Man könnte ja gestochen werden, sprich: in Ungnade fallen. Im Mainstream lebt es sich einfach angenehmer. Man vermeidet tunlichst alle Angriffe auf Medien und Politik, um nicht als Nestbeschmutzer dazustehen. „Technische Probleme“ und „schlechtes Management“ sind doch viel einfacher – fertig!

Rechts verlinkt finden Sie einen Artikel von mir zur Innovationskultur in Deutschland, der in der Septemberausgabe der „Innovation – Werttreiber der Wirtschaft“ vom Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA) erscheinen wird. Ich werde da ziemlich deutlich und bin ganz zufrieden, dass der Beitrag überhaupt gedruckt wurde. Gern hätte ich den Hinweis auf die Aktivitäten des damaligen Wirtschaftsministers in Brandenburg, Dr. Wolfgang Fürniß, aufgenommen, der geschickt über die Insolvenz die Aktionäre enteignete und sich durch den mit der Insolvenz möglichen Widerruf des alten Förderbescheides zum Herrn des Verfahrens machte. Er musste wenige Monate später wegen der berühmten Millionen aus dem Morgenland auf seinem Privatkonto zurücktreten und sitzt heute eine dreijährige Strafe wegen gewerblichen(!) Betrugs ab.

Mein Fazit zum Thema Innovationskultur in Deutschland ist schlicht, dass es hier leider keine Innovationskultur (mehr) gibt. Schon Wolfgang Schäuble schrieb in seinem 1994er Buch „Und der Zukunft zugewandt“, die Deutschen seien verliebt in den Status Quo. Diese Status-Quo-Verliebtheit der Deutschen hatte auch sein damaliger Kabinettskollege Theo Waigel im Sinn, als er spottete: „Sie wollen die Veränderung, nur Ändern darf sich nichts“. Die Status-Quo-Vorliebe wirkt als Potential-Klemme: Lieber als große Innovationen sind kleine Innovationen und am liebsten sind keine Innovationen. So werden die größeren Innovationen gebremst und Scheininnovationen gefördert, wie Prof. Mensch als Innovationsforscher treffend zusammenfasst.

Just über dieses Thema Innovationskultur in Deutschland zu sprechen war ich dieser Tage in die »manager lounge« in Hamburg eingeladen. Ich finde es bemerkenswert, dass 14 Jahre nach der Insolvenz das Thema CargoLifter gerade zu diesem Thema immer noch interessant ist und für diesen Vortrag im Manager Magazin sogar ganzseitig geworben wurde – ein Lehrstück ist es allemal! Wenn Sie den dazu thematisch passenden Beitrag im RBB noch nicht angesehen haben (wir berichteten) hier der Link zu dem 45-minutigen Film über die neuen Hybridluftschiffe:

„Transportgiganten – das Comeback der Luftschiffe«.
Es ist sehr empfehlenswert, sich das einmal in Ruhe anzusehen. Denn das, was wir damals in weniger als 6 Jahren geschaffen haben, war eben doch ganz beachtlich und eben sehr wohl technisch gut und machbar.

Und wenn man dann verfolgt, wie sich das nun in den USA, England, Russland, Frankreich und China (meist ursprünglich über die militärische Schiene gefördert) entwickelt, so ist das zumindest bedauerlich und leider typisch und aus meiner Sicht sogar sehr bedenklich für eben die deutsche Innovationskultur. Ungeachtet dessen, dass der Filmbeitrag auch den einen oder anderen Einstiegspunkt für echten kritischen Journalismus rund um die CargoLifter-Vergangenheit liefert. Doch wie schon gesagt, man könnte ja gestochen werden.

Nun, wir kämpfen weiter und freuen uns dabei über jeden, der uns dabei hilft – sei es moralisch oder mit Spenden für den AirKules, den Kauf von Aktien der CL CargoLifter GmbH & Co. KGaA oder auch als Darlehensgeber der LeviCraft GmbH. Dabei steht sicher neben der typischen Risiko- und Chancenbewertung noch eine ganz andere Komponente: die Spannung, etwas wirklich Neues mit zu schaffen!

AirKules Einsatzmöglichkeiten
AirKules Einsatzmöglichkeiten

Außerdem ist es einfach schön, sich vorzustellen, in dieser Gondel durch die Luft zu schweben oder „seinen“ AirKules in einem Rettungseinsatz nach Überschwemmungen oder bei einem Erdbeben wie jüngst in Italien im Fernsehen zu sehen. Mit seinem ersten Einsatz wird der AirKules zwangsläufig von den wie immer live berichtenden Fernsehanstalten aller Welt gezeigt und trägt die Botschaft der Nützlichkeit dieser Technologie – Mensch das ist doch genial! Das wäre nicht nur äußerst hilfreich, es könnte auch ein deutliches Zeichen setzen für ein Stück Innovation »Made in Germany«.

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Innovation, Werttreiber der Wirtschaft
Gastbeitrag: Carl-Heinrich von Gablenz
Innovationskultur Deutschland – warum machst du es dir/uns so schwer?

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